Aufsichtsrat und Vorstand sollten sich mehr mit der KI-Zukunft beschäftigen – Oder: Wer im Board keine Visionen hat, sollte zum Arzt gehen!

Aufsichtsrat und Vorstand sollten sich mehr mit der KI-Zukunft beschäftigen – Oder: Wer im Board keine Visionen hat, sollte zum Arzt gehen!

Abbildung 1

Wer als Aufsichtsrat und Vorstand weniger als die Hälfte der Gremienzeit für einen Austausch über die Zukunft aufwendet, riskiert, dass er keine hat!

Erinnern Sie sich noch an Blockchain? Ja genau, der Hype vor bald zehn Jahren. Es ging um dezentrale, fälschungssichere Datenbanken zur sicheren digitalen Prozession von Transaktionen, in chronologischen Blöcken speichert. Nach einer Phase übertriebener Erwartungen, auch im Kontext der “hippen” Krypto-Währungen, orientiert sich die Entwicklung nun noch immer an konkreten Einsatzmöglichkeiten, vor allem im Financial Sector, also in eher “versteckten” Fachzirkeln. Aber in der öffentlichen Diskussion ist das Thema quasi verschwunden. Blockchain kam – und ging.

Künstliche Intelligenz (KI) dagegen bleibt! Warum? Weil sie uns alle betrifft, betreffen wird. Und zwar schnell und mit zunehmender Geschwindigkeit – zum einen als praktische Lebenshilfe für alle Consumer, wenn man bspw. ChatGPT als “Tool” einsetzt, um Antworten auf durchaus auch komplexere Fragestellungen zu finden und diese Antworten dann sukzessive verfeinert, indem man mit der KI kommuniziert, zum anderen versteckt in Unternehmensprozessen, die Entscheidungen beeinflussen, die wiederum uns alle betreffen können: So werden etwa Bewerbungsprozesse gesteuert, Kreditentscheidungen vordefiniert, Mieterauswahlen getroffen und vieles mehr. Was für eine Macht! KI wird kein Hype sein, sie hat eher das Zeug dazu, eine Art neue Stufe der Evolution zu werden: Zu den Digital Agents kommen Physical Agents (robots), wie bereits eindrucksvoll erprobt oder gar im Einsatz – nicht nur in China, wenn der Bundeskanzler dort ist. Und das ist durchaus eine Herausforderung für den homo sapiens. Wenn man es weiterdenkt, hat man mindestens Respekt davor, auch Ehrfurcht, möglicherweise sogar Angst. Agentic AI kann eine eigene Motivation zur Zielerreichung des Systems weitgehend ohne menschlichen Eingriff ermöglichen, mit lernenden Systemen, sozusagen die erprobte und erfolgreiche preußisch-militärische Auftragstaktik verpackt in ein KI-System – eine Art “Clausewitz-KI”!

Was bedeuten diese Entwicklungen für das Unternehmen und ihre Unternehmensführungen? Sie bedeuten, dass das Thema ganz oben auf die (strategische) Tagesordnung gehört! Es gibt einen Dreiklang der Erwartungen: Unter dem Stichwort Produktivität wird zuerst davon ausgegangen, in den nächsten drei Jahren in den unternehmerischen Prozessen Produktivitätsgewinne von 20–30 % zu erreichen (AI-based process redesign). Das ist aber nur das Basisthema, die Pflichtübung. Wer das nicht macht, wird seine Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Darüber hinaus wird ein (noch wichtigerer) Vorhersagegewinn gesehen durch Unterstützung bei Szenario-Planungen, zur Vorbereitung für mögliche Ereignisse, also AI als Grundlage zur besseren unternehmerischen Entscheidungsfindung. Dazu kommt drittens die Erwartung eines (erheblichen) Produktinnovationseffekts: Wie muss man sich die aktuellen Produkte bzw. Dienstleistungen in seinem Geschäftsmodell mit kundenseitig genutzter AI Technology in drei bis fünf Jahren vorstellen, und was muss man heute tun, um sich gezielt dorthin zu entwickeln? Hier wird durch den damit verbundenen Innovationsschub und im Hinblick auf die Zukunftsfähigkeit des Geschäftsmodells der mit Abstand größte Hebel gesehen.

Was heißt all das nun für Unternehmensführung, vor allem für Aufsichtsräte als Überwacher, aber auch als langfristig und (hoffentlich) im besten Sinne divers aufgestellter Think-Tank und Sparringspartner für den Vorstand? Dazu gibt es bereits sehr gute Gedanken, zusammengefasst von der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex (Praxis-Impuls Einsatz Künstlicher Intelligenz im Aufsichtsrat, https://www.dcgk.de/files/dcgk/usercontent/de/download/Stellungnahmen/2509%20Praxis-Impuls%20KI.pdf, Abruf: 30.4.2026) oder dem Arbeitskreis Externe und Interne Überwachung der Unternehmung (AKEIÜ) der Schmalenbach-Gesellschaft für Betriebswirtschaft e. V. (AI@AR – Der Einsatz künstlicher Intelligenz aus der Perspektive des Aufsichtsrats, 10.2.2026, https://schmalenbach-impulse.de/aiar-der-einsatz-kuenstlicher-intelligenz-aus-perspektive-des-aufsichtsrats/, Abruf: 30.4.2026). Natürlich bedarf es einer guten Überwachung des KI-Einsatzes im Unternehmen, in all seinen Facetten: einer KI-Governance mit rechtlichem und ethischem Rahmen, Schulungen der Mitarbeitenden, einer “souveränen” Technik usw. und nicht zuletzt Verlässlichkeit und Sicherheit von Datenflüssen. Führung wird sich ändern müssen, gerade erfahrene Führungskräfte und auch Aufsichtsräte (sic!) müssen KI “annehmen”, um weiter führen zu können: Die Auswirkungen auf die Unternehmens- und Führungskultur werden erheblich sein, denn Arbeitsverhalten ändert sich, schon jetzt, ggf. unkontrolliert und dezentral! It’s already up and running!

Fazit: It’s the strategy, stupid! Wieviel Zeit im Board verbringen Sie mit der (KI-)Zukunft, wieviel mit Vergangenheit und Regulatorik? Wieviel Management Attention bleibt für die Zukunft, für visionäres Denken? “Verantwortlich ist man nicht nur für das, was man tut, sondern auch für das, was man nicht tut”, sagte einst Laotse. Wer als Aufsichtsrat weniger als die Hälfte der Gremienzeit für einen Austausch über die Zukunft aufwendet, riskiert, dass er keine hat! In Abwandlung des bekannten Bonmots von Altkanzler Helmut Schmidt heißt dies: Wer im Board keine Visionen hat, sollte zum Arzt gehen!

Prof. Dr. Arno
Probst
, WP/StB, leitet als Partner bei der Deloitte GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft neben seiner Prüfungstätigkeit das Deloitte Executive & Board Program in Deutschland. Seit 2024 ist er zudem als Global Boardroom Program Lead auch für die globale Koordination der Boardroom-Aktivitäten bei Deloitte zuständig. Er ist Honorarprofessor an der Leuphana Universität Lüneburg. Der Beitrag stellt seine persönliche Meinung dar.

Probst, BB 2026, Heft 20, Umschlagteil, I