Das innovative US-Absatzfinanzierungsmodell beim Bau von Rechenzentren könnte auf andere Technologiebereiche übertragen werden und damit Lieferketten unabhängiger von der Bankenfinanzierung machen.
Im Zusammenhang mit der Finanzierung von Rechenzentren ist in den USA jüngst ein innovativer Weg im Bereich der Absatzfinanzierung beschritten worden. Dabei stehen auf der einen Seite die bekannten Techkonzerne, wie Google oder Meta, oder auch der Chiphersteller Nvidia, auf der anderen Seite die Betreiber von Rechenzentren. Da diese Betreiber insofern bilanzschwach sind, als sie hohe Investitionen für den Aufbau der Rechenzentren benötigen, stellt sich die Frage nach der Finanzierung desselben.
Ohne das eingesetzte Absatzfinanzierungsmodell im Einzelnen beschreiben zu können, kann man sagen, dass es in zwei wesentlichen Ausprägungen vorkommt: Bei der ersten Variante werden Ausfall-, Auslastungs- oder Restwertrisiken durch mittel- bis langfristige Garantien übernommen. Beispielsweise reicht Nvidia eine Garantie an CoreWeave aus, die mittelfristig den Absatz von Rechenkapazität sichert, oder Google übernimmt eine Garantie für den Rechenzentrumsbetreiber Fluidstack gegenüber dem Vermieter des dafür benötigten Grundstücks, mit der die Mietzahlungen abgesichert werden. Meta und Nvidia sind den Weg gegangen, die Restwerte von Rechenzentren mit einer Garantie abzusichern. Ein Beispiel für die zweite Variante bildet Nvidia: Das Unternehmen hat im September 2025 die etwas ungewöhnliche Ankündigung gemacht, dass man sich an OpenAI beteiligen werde und dafür im Gegenzug beim Ausbau von Rechenzentren bevorzugt Nvidia-Chips eingesetzt würden. Details dieser sehr ungewöhnlichen Vereinbarung sind nicht bekannt. Allerdings weiß man, dass sich Nvidia im August 2026 tatsächlich an OpenAI im Rahmen einer großen Finanzierungsrunde beteiligt hat.
Gemein ist allen Varianten dieses Modells, dass man sich auf diese Weise die Bereitstellung von Rechenkapazitäten oder auch einfach nur den Absatz der eigenen Chips sichert. Gleichzeitig ist offensichtlich, dass dieses Modell über klassische Formen der Absatzfinanzierung weit hinausgeht. Drei Merkmale erscheinen dabei als wichtig: Erstens steht nicht der Finanzierungsaspekt im Vordergrund. Vielmehr werden über Garantien bzw. über eine Bilanzstärkung beim Vertragspartner Fremdfinanzierungskapazitäten geschaffen. Zweitens handelt es sich um mittel- bis langfristige Vereinbarungen. Auch darin unterscheidet sich das Modell von klassischen Formen der Absatzfinanzierung. Und drittens kommt es zu einer Überschreitung der Bilanzgrenzen zwischen den beteiligten Unternehmen. Das ist im Falle von Nvidia und OpenAI besonders offensichtlich, aber auch im Falle von Google und Fluidstack fällt auf, dass Google sich Optionsscheine auf das die Grundstücke vermietende Unternehmen gesichert hat. Würde man solche Modelle hochskalieren, würden sie irgendwann in eine vertikale Integration übergehen.
Am Rande sei noch erwähnt, dass die Modelle zwar neu sind, aber etwa im Telekom-Boom anfangs der Nullerjahre schon einmal eingesetzt wurden, wenngleich in weniger ausgeprägter Form. Damals hat man neben sehr langfristigen Lieferantenkrediten auch Kreditgarantien und ähnliche Instrumente bei den bilanzschwachen Zulieferern verwendet.
Da im Kern der Vereinbarungen mittel- bis langfristige Garantieversprechen oder Finanzierungszusagen stehen, ist es offensichtlich, dass damit auch Risiken einhergehen, die es in der traditionellen, kurzfristig orientierten Absatzfinanzierung nicht gibt. Insbesondere besteht hier im Unterschied zu einer bankenbasierten Finanzierung kaum Diversifikation. Ein Rückgang in der Nachfrage nach Rechenleistung würde voraussichtlich mit einem Rückgang in der Chipnachfrage einhergehen. Der Garant könnte dann auf allen Ebenen gleichzeitig verlieren. Und zudem gibt es ein technologisches Risiko (Stichwort Quantencomputer), das sich vor allem auf Restwerte auswirken könnte. Diesen Risiken stehen auch Vorteile gegenüber, die nach Einschätzung des Verf. insbesondere in der engen technologischen und strategischen Verzahnung der Geschäftsmodelle und den damit einhergehenden Informationsvorteilen bestehen, etwa bei der Bewertung von Sicherheiten. Dies macht banken- oder projektfinanzierte Finanzierungslösungen deutlich kostspieliger.
Könnte diese Entwicklung auch für deutsche Unternehmen interessant sein? Ich denke, ja. Jedenfalls gilt dies dort, wo in der Lieferkette spezifische Konstellationen auftreten. So haben wir es bei dem besprochenen Modell mit einer Situation zu tun, in der einer der Beteiligten bilanzstark ist und hohe freie Cashflows hat, während der andere bilanzschwach und Cashflow-negativ ist. Zudem bedarf es technologischer Risiken, die die Bewertung von Sicherheiten erschwert, und eine gegenseitige strategische – und auch technologische – Abhängigkeit.
Einschlägige Branchen wären neben dem Energiesektor die Luftfahrtindustrie, Maschinenbau, Halbleiterfertigung oder Telekommunikation. Natürlich werden hier heute schon vielfältige Formen der Absatzfinanzierung eingesetzt. Der Einsatz von mittel- und langfristigen Instrumenten ist aber nach meinem Kenntnisstand eher selten. Die genannten Beispiele aus den USA kann man daher als Anstoß verstehen, hierzulande auch im Bereich der Absatzfinanzierung nach neuen innovativen Wegen zu suchen. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund einer nicht leichter werdenden Bankenfinanzierung. Dabei zeigt das Beispiel der Deutschen Telekom mit ihrer Industrial AI Cloud, dass man für Innovationen offen ist. Hier wurde Nvidia nämlich als Partner – und nicht als reiner Lieferant – in das Projekt eingebunden.
Prof. Dr. Christoph Kaserer ist Inhaber des Lehrstuhls für Finanzmanagement und Kapitalmärkte an der Technischen Universität München (TUM) und Dekan der TUM School of Management. Seit 2016 ist er in verschiedenen Gremien der European Securities and Markets Authority (ESMA) tätig.

