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IWH: Internationale Konjunkturprognose und konjunkturelle Szenarien für die Jahre 2023 bis 2028

In der vorliegenden Studie werden zunächst die weltweiten konjunkturellen Aussichten für das Ende des Jahres 2023 und für die Jahre 2024 bis 2028 dargestellt. Dabei wird folgender Länderkreis betrachtet: Deutschland, Belgien, Dänemark, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Irland, Italien, Niederlande, Österreich, Polen, Portugal, Norwegen, Schweden, Slowakei, Spanien und Tschechien.

Autoren: Andrej Drygalla / Oliver Holtemöller / Axel Lindner

Nach einem kräftigen Jahresauftakt hat die Weltwirtschaft den Sommer 2023 über an Schwung verloren. Dabei dämpft eine schwache Industrieproduktion schon seit einiger Zeit die Konjunktur, insbesondere in Europa. In China belasten hohe Schulden im Immobiliensektor die Wirtschaft. In vielen anderen Regionen sind es die stark gestiegenen Zinsen, welche die Wohnungsbauinvestitionen deutlich dämpfen. Der Rückgang der Energiepreise schlägt sich vielerorts in einer deutlichen Verringerung der zuvor sehr hohen Verbraucherpreisinflation nieder. Dennoch ist die Kerninflation in vielen Ländern weiterhin hoch. Angesichts der hartnäckig hohen Inflation haben die Zentralbanken in vielen Ländern ihre Leitzinsen nochmals angehoben. Die Phase der Zinsanhebungen dürfte allerdings zu Ende gehen. Die Finanzpolitik wird im Prognosezeitraum in den meisten Ländern wohl leicht restriktiv sein oder nur moderate Impulse für die Konjunktur liefern. Die Weltwirtschaft dürfte in den Wintermonaten weiterhin nur verhalten expandieren. Die Schwäche der Industriekonjunktur wird wohl in den nächsten Monaten andauern. Allerdings werden der Rückgang der Inflation und ihr verzögerter Niederschlag in der Lohnentwicklung vielerorts die Realeinkommen der Beschäftigten wieder etwas steigen lassen. Dies dürfte die Konsumausgaben beleben und die Konjunktur merklich stützen. Dämpfend wirkt hingegen die schwache Wirtschaftsentwicklung in China, wo die Krise im Immobiliensektor aufgrund von dessen hoher Bedeutung für Wertschöpfung und Beschäftigung belastet. Bislang hat die internationale Konjunktur den steilen Anstieg von Inflation, Nominal- und Realzinsen recht gut verkraftet. Allerdings sind die Wirkungsverzögerungen bei der Übertragung geldpolitischer Schocks unsicher, und möglicherweise liegt die Phase der stärksten realwirtschaftlichen Dämpfung erst im Prognosezeitraum. Ein weiteres Risiko für die Weltwirtschaft geht nach wie vor von China aus, denn hohe Schulden der Unternehmen und Haushalte werden die Bauwirtschaft noch eine ganze Weile belasten. Schließlich sind mit dem Terrorangriff auf Israel die geopolitischen Risiken noch einmal höher geworden. Zu diesen zählen neben dem anhaltenden Krieg Russlands gegen die Ukraine auch die Spannungen zwischen China und den USA im Zusammenhang mit Taiwan.

Die wahrscheinlichste wirtschaftliche Entwicklung in dem betrachteten Länderkreis (Basisszenario) wird anhand grundlegender volkswirtschaftlicher Kennzahlen, etwa der Zuwachsrate des Bruttoinlandsprodukts, beschrieben. Es wird auch die Entwicklung für den Fall skizziert, dass die Weltwirtschaft eine ungünstige Wendung nimmt (schweres Negativszenario). Dieses Szenario ist so gewählt, dass die gesamtwirtschaftliche Produktion in der betrachteten Ländergruppe im Jahr 2024 gemäß der aus dem Modell resultierenden Wahrscheinlichkeitsverteilung nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 1% noch geringer ausfällt.

Im Basisszenario steigt die Produktion im betrachteten europäischen Länderkreis im Jahr 2023 lediglich um 0,6% und im Jahr 2024 um 1,3%. Im Fall eines schweren Einbruchs geht hier die Produktion im Jahr 2024 um 2,4% zurück. Besonders stark betroffen ist die Produktion in Irland, der Slowakei und Tschechien, aber auch in Griechenland. Die deutsche Produktion wird vom weltwirtschaftlichen Schock zwar deutlich stärker als die Chinas und der USA, aber etwas weniger als im Durchschnitt der in dieser Studie betrachteten europäischen Ländergruppe getroffen. Die länderspezifischen Szenarien erlauben auch eine Antwort auf die Frage, wie stark die deutsche Wirtschaft von dem Wirtschaftseinbruch eines bestimmten Landes aus dem europäischen Länderkreis betroffen ist. Um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte fällt dabei der Wachstumsverlust in Deutschland bei einem starken Produktionseinbruch in Belgien, den Niederlanden, Frankreich, Großbritannien, Italien oder Polen. Umgekehrt führt ein schwerer konjunktureller Einbruch in Deutschland im selben Jahr zu einem spürbaren Rückgang des Produktionszuwachses in den meisten anderen Volkswirtschaften des betrachteten Länderkreises. Im Szenario eines mehrjährigen weltwirtschaftlichen Wirtschaftseinbruchs, der mit einem gestiegenen Zinsniveau einhergeht, fällt der Produktionszuwachs im europäischen Länderkreis im ersten Krisenjahr um 4 Prozentpunkte und im zweiten um 4,2 Prozentpunkte niedriger aus, in Deutschland um 3,6 bzw. 3,5 Prozentpunkte.

IWH STUDIES, 1/2024 – mehr hier