Kaum ein Thema bewegt die Wirtschaft und den Berufsstand so wie Künstliche Intelligenz (KI). Die Frage ist nicht mehr, ob KI die Abschlussprüfung verändert, sondern wie schnell. Die Entwicklung von KI wird zu Recht häufig mit früheren industriellen Revolutionen verglichen. Das mag hinsichtlich der inhaltlichen Dimensionen der Veränderungen noch stimmen – auch wenn durchaus von viel gravierenderen Veränderungen im Vergleich zu früheren Umbrüchen ausgegangen wird. …

Rolle des Wirtschaftsprüfers im KI-Zeitalter

Rolle des Wirtschaftsprüfers im KI-Zeitalter

Abbildung 1

Die HI-Komponente Wirtschaftsprüfer gewinnt aufgrund der KI-Entwicklung an Bedeutung!

Kaum ein Thema bewegt die Wirtschaft und den Berufsstand so wie Künstliche Intelligenz (KI). Die Frage ist nicht mehr, ob KI die Abschlussprüfung verändert, sondern wie schnell. Die Entwicklung von KI wird zu Recht häufig mit früheren industriellen Revolutionen verglichen. Das mag hinsichtlich der inhaltlichen Dimensionen der Veränderungen noch stimmen – auch wenn durchaus von viel gravierenderen Veränderungen im Vergleich zu früheren Umbrüchen ausgegangen wird. Hinsichtlich der zeitlichen Dimension stimmt es jedoch definitiv nicht: Während frühere Umbrüche Jahre oder Jahrzehnte in Anspruch nahmen, liegen die Innovationszyklen bei der KI eher im Bereich von Monaten.

Das Anforderungsprofil an den Wirtschaftsprüfer wird sich durch diese Entwicklung stark verändern und muss sich entsprechend der immer kürzer werdenden Innovationszyklen der KI stetig weiterentwickeln. Stillstand wird wesentlich schneller als früher bedeuten, den Anschluss zu verlieren.

Die größten Veränderungen hinsichtlich der Transformation des Anforderungsprofils eines Wirtschaftsprüfers kommen von der Wirtschaft und den Mandanten selbst. Das ist die eine Seite der KI-Medaille. Durch die KI werden bestehende Geschäftsmodelle der Unternehmen disruptiert, und neue Geschäftsmodelle entstehen. Margen erodieren aufgrund oben beschriebener exponenzieller technischer Entwicklungen in kürzester Zeit, und neue Geschäftspotenziale entstehen. Was bedeutet das für die Berichterstattung der Unternehmen in Lagebericht und Jahresabschluss? Sind vergangenheitsbezogene Daten noch sachgerechte Ausgangsbasen für Planungs- und Prognoserechnungen? Diese Entwicklungen im Grundsatz zu verstehen ist elementar für das Erlangen eines Verständnisses der Geschäftsmodelle der Unternehmen als Ausgangsbasis eines risikoorientierten Prüfungsansatzes. Der Einsatz von KI in den Finanz- und Controllingprozessen der Unternehmen selbst ist auch zu berücksichtigen. Während Enterprise-Resource-Planning-(ERP-)Systeme und das rechnungslegungsbezogene interne Kontrollsystem früher nur in größeren Zeitabständen verändert wurden, führt der stetige Einsatz von neuen oder die Weiterentwicklung bestehender KI-Lösungen zu einem sich dynamisch verändernden Risikoprofil im Rahmen der Abschlussprüfung. KI übernimmt die Belegerkennung, unterstützt bei Hedge Accounting, Forderungs- und Rückstellungsbewertung etc. – dies zunehmend generativ, um nur einige Beispiele zu nennen. Wer sein Systemverständnis hier einfach fortschreibt, prüft unter Umständen im Folgejahr ein anderes Unternehmen. Der Einsatz von KI kann das Risikoprofil bei Mandanten und somit die Prüfungsstrategie des Wirtschaftsprüfers kurzfristig stark verändern. Die KI kann bei gleicher Dateneingabe variierende Ergebnisse produzieren, Trainingsdaten der KI können veraltet sein, Modelle und Agenten werden im laufenden Betrieb aktualisiert, eventuell werden Verantwortlichkeiten unklar und somit Audit Trails lückenhaft.

All dies sind Risiken, die der Prüfer zusätzlich im Blick haben muss. Hierbei sind KI-gestützte Betrugsmuster und Cyberrisiken noch gar nicht berücksichtigt und stellen zunehmend größere (vielleicht die größten) Risikobereiche dar.

Und genau diese Entwicklungen führen auch zum KI-Einsatz auf Seiten des Wirtschaftsprüfers – der anderen Seite der KI-Medaille. Durch den richtigen Einsatz von KI im Rahmen der Prüfungsstrategie reagiert der Wirtschaftsprüfer auf den KI-Einsatz bei den Unternehmen und verbessert insgesamt die Prüfungsqualität und Prüfungstiefe im Rahmen der Prüfung. Mittels KI wird nun in der Prüfung die Grundgesamtheit analysiert und nicht mehr mittels Stichproben auf die Grundgesamtheit geschlossen. Mehr Prüfungstiefe führt zu mehr Befunden, die gewürdigt werden müssen. Dabei ersetzt die KI nicht die Urteilskraft des Prüfers. Ein Agent, der aus einer Grundgesamtheit von u. U. mehreren Millionen Buchungen einige tausend Anomalien meldet, hat noch kein prüferisches Urteil getroffen. Während früher die kritische Frage lautete: “Habe ich die Stichproben richtig ausgewählt?”, lautet bei einer KI-gestützten Analyse der Grundgesamtheit die kritische Frage: “Habe ich richtig interpretiert und die richtigen anschließenden Prüfungshandlungen durchgeführt?”. Der Wirtschaftsprüfer von heute muss zudem auch richtig trainiert und ausgebildet werden, um diese Analysen würdigen zu können und das richtige Branchenverständnis zu besitzen. Der Einsatz von KI wird unzweifelhaft zu dem vielleicht wichtigsten Prüfungstool für den Wirtschaftsprüfer – Eigenverantwortlichkeit und Unabhängigkeit des Wirtschaftsprüfers werden dadurch jedoch keinesfalls ersetzt, und die kritische Grundhaltung des Wirtschaftsprüfers bei seiner Urteilsfindung bleibt elementare Grundlage seines Handelns. Die Anforderungen an den Wirtschaftsprüfer im Rahmen dieser Entwicklung steigen. Branchenverständnis, KI-Kompetenz, kritisches und analytisches Denken, Klarheit in der Kommunikation, Abwägen von prüferischen Entscheidungen unter Unsicherheiten sind unabdingbare Eigenschaften an den Wirtschaftsprüfer, die gerade in den transformatorischen Zeiten immer wichtiger werden

Diese Entwicklungen werden dazu führen, dass die Bedeutung des Wirtschaftsprüfers aufgrund seiner kritischen Würdigung und seines Urteilsvermögens steigen wird. Kurzum: Die Human-Intelligence-(HI-)Komponente Wirtschaftsprüfer gewinnt aufgrund der KI-Entwicklung an Bedeutung!

Dr. Christian
Janze
, WP, ist Assurance Markets Leader Deutschland bei der EY GmbH & Co. KG und Office Managing Partner Hannover. Er ist Mitglied des Vorstands und Vorsitzender des Vorstandsausschusses Künstliche Intelligenz bei der Wirtschaftsprüferkammer und Mitglied des Arbeitskreises Externe Unternehmensberichterstattung (AKEU) der Schmalenbach-Gesellschaft für Betriebswirtschaft e. V.

Janze, BB 2026, Heft 40, Umschlagteil, I